Was ist Artgerecht?

Was ist Artgerecht?

Du darfst zu mir in die Beratung kommen – ganz unabhängig von deinem Kenntnisstand zum „Artgerecht“-Ansatz.

Auch Fortgeschrittene kommen mal nicht weiter und ich selbst tappte auch lange im Dunkeln, bevor ich lernte, meine Kinder aus der Artgerecht-Sicht zu sehen.
Da ich oft gefragt werde, was Artgerecht ist, hier einige Auszüge und Erklärungen für den Start.

Wer steckt dahinter?

Das Artgerecht-Projekt wurde begründet von Nicola Schmidt, Herausgeberin der Bücher „Das artgerecht-Babybuch“, „ Das artgerecht Kleinkind-Buch“, „ Erziehen ohne Schimpfen“, „ Der Elternkompass “  und weiteren Büchern, die auch den wissenschaftlichen Hintergrund zu Bedürfnissen von Kindern und Babies sowie deren artgerechten Begleitung beleuchten.

Die Frage dahinter ist: „Was ist eine artgerechte Kinderhaltung?“. So schrecklich dieses Wort tönt, finde ich es persönlich umso erschreckender, dass wir uns zwar fragen, was die artgerechte Haltung von Tieren ist (was ich enorm wichtig finde), dass wir uns das aber bei unseren eigenen Kindern nicht fragen.

Wir Menschen haben noch immer den Körper, die Reflexe und die Verschaltungen von Menschen, die noch als Sammler und Jäger gelebt haben. So auch unsere Kinder. Eine artgerechte Kinderbegleitung berücksichtigt diese Information – so gehen wir beispielsweise davon aus:

  1. dass es für Kinder gefährlich ist, grünes Zeugs zu essen das noch dazu ungewöhnlich riecht, weil es giftig sein könnte
  2. dass ein Säugling Nähe und Geborgenheit braucht und getragen werden möchte, weil er sonst in der Natur zu vielen Gefahren ausgesetzt wäre
  3. dass die stetige und jederzeitige Verfügbarkeit von Nahrung nicht immer gegeben war und unser Kinder darauf getrimmt sind, das zu essen, was am meisten Energie hat (beispielsweise Zucker)
  4. dass Babies ab Geburt sich und ihre Versorger nicht selber beschmutzen wollen und deswegen ihre Ausscheidungsbedürfnisse genauso kommunizieren wie Hunger, das Bedürfnis nach Schlaf, zu kalt/heiss, so dass alle – Baby und Versorger – trotz fehlender Windel nicht Gefahr laufen, aufgrund der Exkremente  von wilden Tieren gerochen zu werden
  5. dass das Herumgestochere im Mund mit diesem komischen Stab mit Borsten eine ziemlich doofe und neuartige Erfahrung ist, weil kariesverursachende Nahrungsmittel nicht immer so umfangreich vorhanden waren
  6. dass am Tag die Sonne scheint und es in der Nacht dunkel ist.
  7. Das wir in einer Sippe gelebt haben wo mehrere Allo-Parents der Kindern soziale Regeln vorgelebt haben.
  8. Empathie eine Errungenschaft von unserem wohlwollenden Miteinander ist und nicht von Anfang auf unserer Hardware verfügbar ist.

Im Artgerecht-Ansatz geht es darum, diese Information im modernen Alltag zu berücksichtigen und zwar beispielsweise so:

  1. Bei manchen Kindern geht Grünzeugs essen nur durch langsames herantasten: „Ah, meine Sippe isst das auch und stirbt nicht. Aaah, ich kann das in den Mund stecken und bekomme keinen Bauchkrampf.“
  2. Wie trage ich mein Baby und versorge es alleine, wenn ich von Natur aus nicht dafür gemacht bin, gleichzeitig noch einen Haushalt zu schmeissen oder Versorgungsaufgaben zu übernehmen?
  3. Wie lernen unsere Kinder einen gesunden Umgang mit Süssen entgegen ihrem natürlichen Instinkt?
  4. Wie setzte ich windelfrei um in unserer Welt mit öVs, Autos und Orten, wo man nicht grad einfach so hinpinkeln kann? Wie kommt ein Kleinkind aus der Windel, nachdem die Superabsorber-Windel ihm die Wahrnehmung der Ausscheidungen und dadurch die Kontrolle des Schliessmuskels abtrainiert hat?
  5. Zähneputzstreiks sind natürlich. Wenn Blödsinn machen, die Zahnputzuhr mit Musik, Machtumkehrspiele und Autonomiebedürfnis-Zulasssung in allen anderen Situationen des Alltags gar nicht mehr hilft, dann den Streik zulassen und dafür Zucker und Weissmehl einschränken.
  6. Zubettgehen ist schwierig, wenn den ganzen Tag über eine grosse Menge an blauem Licht vorhanden ist und wenn der Übergang in den Abend nicht mit einem Sonnenuntergang natürlich das Melatonin anregt. Und alleine Schlafen in der Dunkelheit, wenn die Nachttiere aktiv sind, ist sowieso ein Todesurteil. Welcher Tagesablauf und welche Rituale und Sicherheiten helfen meinem Kind, das Melatonin so anzuregen und sich so zu entspannen, dass wir einen guten Kompromiss finden, der auch mein Schlaf- und Partnerschaftsbedürfnis berücksichtigt?
  7. Anthropologische Studien zu Völkern die noch wenig Kontakt zu unserer angeblich modernen Welt haben zeigen, dass es die Aufgabe von Allo-Parents ist, soziale Reglen beizubringen. Die Aufgabe von Eltern ist es lediglich, zu beschützen, füttern und zu trösten. Heute jedoch wird von Eltern vielfach erwartet, auch perfekt funktionierte Kinder (keine Streits, super höflich, immer hilfsbereit und mit gesundem Respekt vor Erwachsenen) zu produzieren, und das notabene in einem Umfeld, wo Stress, finanzielle Herausforderung, reduzierter Sozialkontakt prävalent sind — und wo die Verbindung und Beziehung zu unseren Kindern schwindet unter den Anforderung von Schule und Arbeit. Wie finden wir in diesem Gewusel die Anbindung an uns selbst, so dass wir die Verbindung zu dem schaffen, was wirklich wichtig ist, so dass unsere Kinder uns so erleben können, wie sie uns brauchen: Beschützend, nährend und tröstend … und sodass sie ein Umfeld haben, in welchem sie so gehalten sind, dass sie liebend gerne dessen soziale Regeln annehmen?
  8. Streiten will gelernt sein. Die meisten Erwachsenen können es nicht. Auch zuhören, halten und „einfach mal aufs Maul hocken und nicht die eigene Geschichte erzählen“ ist ein Skill, den nicht viele können. Unsere Kinder lernen es dann, wenn sie es von Erwachsenen vorgelebt bekommen. Sie lernen es nicht durch Vorgaben oder Bücher. Sondern durch nachmachen. Sprich jemand muss es vormachen und transparent machen und in der konkreten Anwendung aktiv lehren. Dafür brauchts die Streits. Und die Emotionsausbrüche. — und unsere Auseinandersetzung mit uns selbst und dass wir selbst lernen, die linke und die rechte Hirnhälfte zu vernetzen und das Grosshirn auch dann zu benutzen, wenn das Reptilienhirn in den Autopilot gehen will.

Meine eigene Ergänzung zu artgerechter Menschenhaltung

Ich persönlich finde es wichtig, zusätzlich zum Gedanken des Artgerecht-Projekts betreffend die natürlichen Bedürfnisse des Kindes, auch immer wieder zu fragen „Was ist denn artgerecht für uns Eltern?“

Der homo sapiens ist eine kollektiv aufziehende Spezies. Der Mensch kann sich so teure Kinder (9 Monate Schwangerschaft und 16 bis 18 Jahre bis zur Selbständigkeit) nur deswegen leisten, weil er eine Sippe hat, in welcher die Menschen gegenseitig gehalten und unterstützt werden. Eine Isolation von biologischem Vater, biologischer Mutter und ihren Kinder in einem eingefriedeten Bereich ist nicht unsere artgerechte Lebensform. Noch weniger ist es artgerecht, wenn einer der Kindsversorger stundenlang oder gar über Jahre hinweg alleine mit den Kindern ist und/oder die Nahrung und Behausung den tragbaren Wetterschutz (Kleidung) alleine beschaffen/erschaffen muss und noch dazu empfänglich für die Emotionen der Kinder bleiben soll.

Wir dürfen uns das stets vor Augen halten, wenn wir mit unseren Aufgaben überfordert sind: Wir leisten gerade menschenunmögliches. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir dürfen uns das auch vor Augen halten, wenn wir mit unseren Brüdern und Schwestern im Herzen und mit unseren Ältesten sprechen und uns ihnen unverhüllt und ehrlich zeigen: Vermutlich wissen sie, wovon wir sprechen.

Warum gibt es eigentlich Grossmütter

Als ich diese Frage zum ersten Mal gehört hatte, fiel bei mir ein Felsbrocken ab!

Ja warum haben wir Menschen Grossmütter? Bei der überwiegenden Mehrheit der Spezies kann das Weibchen, wenn es seinen Betrag an den Fortbestand der Spezies durch Nachkommen geleistet hat, nicht noch jahrelang weiter leben. Warum leisten wir Menschen uns – neben den superteuren 18 Jahre lang reifenden Kindern – noch dazu Grossmütter, welche das Essen der Sippe essen und keine Nachkommen generieren? Offenbar haben diese Grossmütter aber eine Funktion, sonst hätten wir sie nicht im Laufe der Generationen durch natürliche Selektion als Auslese „erschaffen“. Es gibt die Theorie, dass die Grossmütter die Sprache gebracht haben: Weil sie so ihren Nachkommen ihr Wissen weitergeben konnten: Das Wissen um die Kinderversorgung, das Wissen darum, wo man die besten Wurzeln und Knollen findet, das Wissen um heilende Kräuter. Es gibt auch die Theorie anhand der Analyse von Knochenfunden, dass die Grossmütter ein mehrfaches ihres täglichen Nahrungsverbrauches „anschleppten“ und dass die Produktivität bei der Nahrungsbeschaffung von Jugend bis hohes Alter ständig steigt.

Wer mehr dazu erfahren mag, dem empfehle aus tiefstem Herzen das Buch “Mother Nature“ der Antorpoligin Sarah Blaffer-Hrdy

Ich will damit nicht sagen, dass unsere heutigen Grossmütter das Gleiche tun sollen. Beileibe nicht. Unsere Mütter und Grossmütter haben bereits menschenunmögliches getan und getragen. Was ich damit sagen will ist, dass eine Gesellschaft, in welcher Grossmütter um ihr Einkommen bangen müssen, anstatt dass wir ihren unglaublichen Beitrag an uns als Menschheit würdigen, nicht artgerecht sein kann.
Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen eine Gesellschaft, in welcher wir auch das Tragen von Wissen und das Versorgen der Sippe als unglaublich wertvolles Gut würdigen und entschädigen. Eine Gesellschaft, in welcher wir uns tragen und halten und unsere Kosten der Fortpflanzung gemeinsam tragen.